Omnibus & CSRD: Warum Carbon-Messung ein Wettbewerbsvorteil bleibt

Das Omnibus-Paket hat die CSRD erleichtert. Und nun?
Einleitung
Am 16. Dezember 2025 hat das Europäische Parlament das Omnibus-Paket verabschiedet. Mit wenigen Abstimmungen hat die EU den Geltungsbereich ihrer beiden Säulen des Nachhaltigkeitsreportings — CSRD und CSDDD — drastisch reduziert. Eine massive Erleichterung. Und für viele Unternehmen eine ebenso massive Versuchung, den Fuß vom Gas zu nehmen.
Das wäre ein Fehler.
Nicht weil die Regulierung morgen wieder verschärft wird — sie könnte sich durchaus weiter lockern. Sondern weil der Markt nicht zurückweicht. Agenturen, Werbetreibende, Ausschreibungen: Der Druck, den CO₂-Fußabdruck von Werbekampagnen zu messen und zu reduzieren, war nie größer. Und er kommt nicht mehr aus Brüssel.
Was das Omnibus-Paket konkret ändert
Das Omnibus-I-Paket, von der Europäischen Kommission im Februar 2025 vorgeschlagen, war das Ergebnis wachsenden politischen Drucks: vereinfachen, entlasten, die Wettbewerbsfähigkeit europäischer Unternehmen wiederherstellen. Nach monatelangen beschleunigten Verhandlungen — der Europäische Rat hatte auf eine Einigung vor Ende 2025 gedrängt — erzielten die Mitgesetzgeber am 9. Dezember 2025 einen Kompromiss. Das Parlament stimmte eine Woche später ab.
Die Änderungen sind erheblich.
Wesentliche Änderungen des Omnibus I:
- CSRD-Anwendungsbereich drastisch reduziert — Schwelle auf 1 000+ Mitarbeiter UND 450 Mio. € Nettoumsatz angehoben (kumulativer Doppelschwellenwert). Zehntausende europäische Unternehmen fallen aus dem Geltungsbereich.
- ESRS um 70 % vereinfacht — Von 1 073 auf ~320 Datenpunkte. Branchenspezifische Standards gestrichen.
- Stop-the-Clock — Zweijährige Verschiebung für Welle-2-Unternehmen und börsennotierte KMU.
- CSDDD verschärft — Schwelle bei 5 000 Mitarbeitern / 1,5 Mrd. € Nettoumsatz. Pflicht zum Klimatransitionsplan gestrichen.
- KMU-Schutz — Gesetzliches Recht, Informationsanfragen abzulehnen, die über den freiwilligen KMU-Standard hinausgehen.
Die Veröffentlichung im Amtsblatt wird um März 2026 erwartet, das Inkrafttreten 20 Tage danach. Die Mitgliedstaaten haben dann 12 Monate zur Umsetzung.
Das politische Signal ist klar. Das kommerzielle Signal ist das Gegenteil.
Auf den ersten Blick wirkt das Omnibus-Paket wie ein Rückschritt. Und rein regulatorisch betrachtet ist es das auch. Weniger betroffene Unternehmen, weniger zu berichtende Daten, verlängerte Fristen. Die Europäische Kommission beziffert die Verwaltungseinsparungen auf 4,5 Milliarden Euro. Das Schlagwort lautet „Wettbewerbsfähigkeit".
Doch hier liegt der blinde Fleck dieser politischen Rahmung: Unternehmen, die ihre Emissionen messen, tun dies nicht, um Brüssel zu gefallen. Sie tun es, weil ihre Kunden es verlangen.
Der Markt beschleunigt trotz Erleichterung:
Große Werbetreibende integrieren systematisch Carbon-Kriterien in ihre RFPs. Media-Agenturen — Publicis, Dentsu, Havas, GroupM — haben öffentliche Reduktionszusagen gemacht. GMSF bereitet v1.3 für Cannes Lions 2026 vor. Google hat Carbon Footprint for Google Ads im Oktober 2025 für alle Werbetreibenden geöffnet.
Der Markt dreht nicht um, weil eine Richtlinie gelockert wird. Er beschleunigt.
Warum Werbetreibende, die aufhören zu messen, ein reales Risiko eingehen
Drei konkrete Gründe.
| Risiko | Was passiert | Konsequenz |
|---|---|---|
| Reputationsrisiko | 62 % der Ad-Net-Zero-Unterstützer geben an, dass Nachhaltigkeit die Kundenbeziehungen stärkt (5-Jahres-Bericht, Dez. 2025) | Keine Carbon-Daten = messbarer Wettbewerbsnachteil bei RFPs |
| Anti-Greenwashing (ECGT) | Richtlinie ab September 2026 anwendbar: verbietet „klimaneutral"-Claims ohne Nachweis, generische Umweltaussagen ohne Daten | Echte Reduktionsdaten werden erforderlich. Kompensationen allein reichen nicht mehr. |
| Extraterritorialität | Multinationale Kunden weiterhin im CSRD-Geltungsbereich + ISSB-Standards (IFRS S2) in Australien, Brasilien, Kalifornien | Scope-3-Datenanfragen bestehen unabhängig von europäischer Politik fort |
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Was das für die digitale Werbebranche bedeutet
Das Omnibus-Paket ändert nichts an der Physik des Problems. Programmatic-Kampagnen erzeugen weiterhin messbare Emissionen bei jeder Impression, jeder Bid Request, jedem beteiligten Rechenzentrum. Was sich ändert, ist die Motivation.
Vor dem Omnibus-Paket haben manche Unternehmen gemessen, weil sie mussten. Nach dem Omnibus messen diejenigen weiter, die darin einen Vorteil sehen. Sie optimieren Supply Paths, reduzieren Verschwendung auf MFA-Seiten (Made-for-Advertising), wählen Inventar mit geringerer Carbon-Intensität — und beobachten häufig eine gleichzeitige Verbesserung sowohl der Werbeleistung als auch des ökologischen Fußabdrucks.
Die Carbon-Intelligence-These:
Carbon-Messung ist keine Compliance-Last. Sie ist ein Performance-Hebel. Emissionsreduktion und ROAS-Optimierung sind keine widersprüchlichen Ziele — sie sind zwei Seiten derselben Medaille. Weniger programmatische Verschwendung bedeutet weniger Emissionen und mehr Budget, das in Inventar investiert wird, das tatsächlich Ergebnisse liefert.
Erfahren Sie, wie Carbon-Aware Bidding Programmatic in der Praxis transformiert.
Was der Markt 2026 von Ihnen erwartet
März 2026 — Veröffentlichung des Omnibus im Amtsblatt
- Inkrafttreten 20 Tage nach Veröffentlichung
- Neue CSRD-Schwellen: 1 000 Mitarbeiter + 450 Mio. € Umsatz
- Unternehmen außerhalb des Geltungsbereichs atmen auf — vorübergehend
September 2026 — Anti-Greenwashing-Richtlinie (ECGT)
- Ende der „klimaneutral"-Behauptungen auf Basis von Kompensation
- Umweltaussagen erfordern belastbare Nachweise
- Werbetreibende müssen über echte Reduktionsdaten verfügen
2026-2027 — Wachsender Marktdruck
- GMSF v1.3 wird auf den Cannes Lions 2026 erwartet
- RFPs mit Carbon-Kriterien werden zum Standard
- ISSB (IFRS S2) schafft globale Pflichten jenseits des EU-Geltungsbereichs
2027-2028 — Der Wettbewerbsvorteil kristallisiert sich heraus
Unternehmen, die seit 2025-2026 messen, verfügen über historische Daten, dokumentierte Reduktionspfade und einen Wettbewerbsvorteil, der sich in wenigen Monaten nicht aufholen lässt.
Die wichtigsten Erkenntnisse
Das Wesentliche in 4 Punkten:
- Das Omnibus-Paket ist eine politische Wende, keine kommerzielle. Die Schwellen steigen, die Datenpunkte sinken — aber der Markt beschleunigt weiterhin seine Carbon-Anforderungen.
- Werbetreibende, die heute messen, bauen den Vorsprung aus. Carbon-Daten werden zum Auswahlkriterium in RFPs und zu einem messbaren Wettbewerbsvorteil.
- Die Anti-Greenwashing-Richtlinie verändert die Spielregeln. Ab September 2026 sind unbelegte Umweltaussagen verboten. Nur echte Daten zählen.
- Die Extraterritorialität verschwindet nicht. Auch außerhalb des CSRD-Geltungsbereichs werden Ihre multinationalen Kunden Ihre Scope-3-Daten benötigen.
Die Frage lautet nicht mehr „Bin ich verpflichtet?". Die Frage lautet: „Kann ich es mir leisten, es nicht zu wissen?"
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Lassen Sie sich vom Omnibus-Paket nicht einlullen — der Markt schläft nicht.
Quellen und Referenzen
- EU-Rat, „Council and Parliament strike a deal to simplify sustainability reporting", 9. Dezember 2025
- Europäisches Parlament, Abstimmung zur Annahme der Detaillierten Omnibus-Richtlinie, 16. Dezember 2025
- Europäische Kommission, Seite Vereinfachung — Omnibus I Package
- Gibson Dunn, „EU Omnibus Simplification Update", Dezember 2025
- Morrison Foerster, „EU Sustainability Omnibus I – Detailed Omnibus Adopted", Dezember 2025
- PwC Viewpoint, „EU reaches compromise on Omnibus proposals", Dezember 2025
- Sedex, „EU Omnibus I Explained", Januar 2026 — ESRS von 1 073 auf 320 Datenpunkte reduziert
- Ad Net Zero, „5-Year Milestone Data", Dezember 2025
- Google, „Carbon Footprint for Google Ads" — allgemeine Verfügbarkeit Oktober 2025
- ECGT-Richtlinie (Empowering Consumers for the Green Transition), verabschiedet Februar 2024, anwendbar ab September 2026
Das US-Bild ist ähnlich komplex — föderaler Rückzug koexistiert mit verbindlichen Landesgesetzen in Californien und New York. Zur vollständigen Analyse →
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